T4-Umzug am 2. Oktober 2000

International Commemoration


Redebeitrag von René Talbot
zur Gedenkfeier am Anfang des T4 Umzug

Zum 6.ten Mal versammeln wir uns. Während letztes Jahr noch andere Gedenkfeiern veranstaltet haben, ist es jetzt an der Zeit, daß eine positive Entscheidung über das "Haus des Eigensinns" als Gedenksätte für die Opfer des ärztlichen Massenmords gefällt wird.

Die Ideologie, der unsere Schwestern und Brüder zum Opfer gefallen sind, die psychiatrische Genetik, feiert als Neo-Nazi Eugenik ein Come back. Die 8. Weltkonferenz hat diesen August in Versailles stattgefunden.

Mit pränataler Gleichschaltung soll das erreicht werden, was mit der Gaskammer mißlungen ist: der Verrücktheit den Gar aus zu machen.

Aber es gibt auch Erfolge zu berichten:
mit der Ausstellung „The Missing Link" konnten wir über die Rolle von Karl Bonhoeffer und die Entwicklung zum Genozid durch den gewaltsamen körperlichen Eingriff bei Zwangssterilisation aufklären.

Das Bundesumweltministerium, die Ärztekammer und verschiedene Rathäuser zeigen die Ausstellung, obwohl die Skulpturen, die Igael Tumarkin in Israel aus den Büsten von Karl Bonhoeffer angefertigt hat, vom Staatschutz beschlagnahmt wurden.

Diese Tatsache wirft allerdings ein Licht auf die wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse:
Der Staat scheint in Gefahr zu geraten, wenn an einer seiner Stützen gerüttelt wird, dem Nazi-Unrechts-Arzt Karl Bonhoeffer, dem von der größten Psychiatrie in Berlin unverändert als Namenspatron gehuldigt wird. Tatsächlich haben wir inzwischen die Revolution in der Psychiatrie losgetreten: Mit der Vorsorgevollmacht können wir erfolgreich verhindern, daß man mit Zwang und Gewalt diagnostisch verleumdet, eingesperrt und mit irgendwelchen Foltermethoden zwangsbehandelt wird.

Oh hättet ihr Brüder und Schwestern euch doch damals schon schützen können!

Ich bitte um eine Schweigeminute für die Hunderttausenden, deren Ermordung von diesem Ort aus organisiert wurde.


Aus der Taz vom 16.10.2000, Seite 20:

Gedenktafel beschmiert
Unbekannte haben ein Mahnmal für die Euthanasie-Opfer der Nationalsozialisten in Berlin geschändet. Wie die Polizei mitteilte, beschmierten die Täter die Gedenktafel im Bezirk Tiergarten offenbar am Wochendende mit Fäkalien. Ein rechtsextremer Hintergrund der Tat sei nicht auszuschließen, der Staatsschutz habe die Ermittlungen aufgenommen, hieß es. Die Schändung wurde am Sonntagmorgen von einem Passanten entdeckt und am Abend der Polizei gemeldet. Die etwa drei Meter große Gedenktrafel aus Bronze erinnert an die erste große Deportation von Opfern des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms im Jahre 1940. Die Feuerwehr reinigte die Tafel und einen ebenfalls beschmutzten Gedenkkranz.

AFP

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