Eine gemeinsame Veranstaltung des ‚Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg' und der ‚Israeli Association Against Psychiatric Assault' in Tel Aviv

Im Gedenken an unsere Schwestern und Brüder, den vergessenen Opfern des systematischen ärztlichen Massenmords 1939-1948:
Erste dreitägige Lesung der Namen von Opfern
des systematischen ärztlichen Massenmordes von 1939 bis 1948

explanation in English

Berlin, Wittenbergplatz, am Denkmal " Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen" 16./17./18.12.2002:
Hintergrundinformation: von 1939 bis ´48 wurden in Deutschland schätzungsweise 300.000 psychiatrische Gefangene systematisch ermordet. Die Morde fingen mit der sogenannten "Aktion T4" an, die von 1939 bis1941 dauerte. Insgesamt wurden mindestens 275.000 (nach Angaben der Nürnberger Prozesse) in der Zeit von 1939 bis 1945 - dem Ende des Nazi Regimes - ermordet. Aber die Morde durch systematisches Verhungernlassen in den psychiatrischen Gefängnissen in Deutschland wurde bis 1948/49 fortgesetzt, so dass noch 25.000 Opfer zu der in den Nürnberger Prozessen gegebenen Zahl hinzugefügt werden müssen.

Wir, der "Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg" und die "Israeli Association Against Psychiatric Assault", haben vom Bundesarchiv die einzige vorhandene komplette Liste der dokumentierten und bekannten Namen der psychiatrischen Gefangenen (unter ihnen viele Kinder) gebeten, um sie in der Öffentlichkeit zum Gedenken zu verlesen. Unter den Namen war der von Lisa Hempel, die 5 Jahre alte Schwester von Elvira Manthey und auch der Name von der 7-jährigen Valentina Zacchini, deren brutale Folterung im Namen der "Wissenschaft" von den Nazi-Ärzte gefilmt wurde und in den empfehlenswerten TV-Film "Sichten und Vernichten" vom Ernst Klee dokumentiert ist.

Wir erhielten die Namensliste am 9. Dezember 2002 und ich unterzeichnete einen Vertrag mit dem Staatsarchiv, in dem ich versprach, sie zwei Wochen später zurückzubringen. Die Berliner Medien haben über den ersten Tag der Lesung mit der offiziellen Bezeichnung "Euthanasie geisteskranker Patienten" (die eine böse Nazi-Bezeichnung ist, die dazu benutzt wird, die Tatsache zu beschönigen, daß es Mord war, was mit der Benennung des Mordes an den Juden als "Endlösung" vergleichbar ist) berichtet. Unsere erklärten Ziele, wie sie auf dem Transparent über dem Lesepult angegeben wurden, haben sie völlig ignoriert. Auf dem Transparent steht (auf Deutsch und Hebräisch): "Im Gedenken, öffentliche Verlesung der Namen von Opfern des systematischen ärztlichen Massenmordes, 1939 bis 1948" und auf dem Lesepult stand:

Im Gedenken an unsere Schwestern und Brüder, den vergessenen Opfern des systematischen ärztlichen Massenmords 1939-1948
54 Jahre nach dem Ende des systematischen ärztlichen Massenmord ist diese deutsch-israelische Gedenkveranstaltung die erste öffentliche Verlesung einer Liste mit den Namen von 30.161 der insgesamt ca. 300.000 Mordopfer. Es ist dies die einzige bekannte Namensliste, die beim Bundesarchiv lagert. Die Namen der anderen Opfer sind unbekannt, sie werden, als perfekte Morde begangen, ungesühnt bleiben.

Auch Passanten waren eingeladen, sich an der Lesung zu beteiligen.

Das Gedenken fand an einem der belebtesten Plätze vor dem KaDeWe statt und unser Transparent war an dem Mahnmahl befestigt, auf dem die Namen von 12 Konzentrationslagern stehen.

In Deutschland gibt es eine inoffizielle Politik des öffentlichen Verschweigens der Namen der Opfer, und die Familien der Opfer machten aus sozialer Scham aus diesem Massenmord kein öffentliches Thema, eine Scham die aus der biologisch-medizinischen Verleumdung "geisteskrank" herrührt. Folglich war unsere 3-tägige Lesung ein Durchbruch, indem es die menschliche Würde jener sogenannten "anonymen Opfer" zurückfordert und indem es die deutsche Öffentlichkeit anregt, unsere Bemühungen als Beispiel zu nehmen und zu beginnen, nach dem Schicksal ihrer ermordeten Angehörigen zu forschen. Während der Lesung suchten einige Passanten nach den Namen ihrer Verwandten, von denen sie vermuteten, daß sie in den psychiatrischen Gefängnissen ermordet wurden, aber erst jetzt, mit der Liste, den Beweis dafür hatten. Wir haben sie beraten, wie sie das Bundesarchiv kontaktieren können, um eine Photokopie der psychiatrischen Akte ihrer Verwandten zu erhalten. (Einer der Passanten hat sich als ehemaliges Parlamentsmitglied zu erkennen gegeben. Ich vermerke dieses Ereignis, um zu zeigen, wie tief die soziale Scham der biologisch-medizinischen Verleumdung in allen Schichten der deutschen Gesellschaft verwurzelt ist). Einige der Passanten, die meisten von ihnen gaben sich als Juden zu erkennen, lasen mit uns die Namen, aber leider waren von den tausenden von Menschen, die vorbeigingen, die meisten völlig gleichgültig.

Diese Form des Gedenkens vollzieht den Aufruf des "Israeli Association Against Psychiatric Assault" vom 22. Juli 2001 in Vancouver Kanada, wo wir vorschlugen, weltweit den 2. Mai als internationalen Tag der Erinnerung und Widerstand der psychiatrischen Gefangenen zu machen und eine internationale "Claims List" ehemaliger und aktueller psychiatrischer Gefangener gefordert haben. Denn am 2. Mai 1998 wurde das Urteil des "Foucault Tribunals" in Berlin proklamiert. Die deutsche Gruppe hat bereits während der letzten 7 Jahren jeweils am 2. Oktober an die Opfer erinnert.

18. Dezember 2002 Hagai Aviel, Vorsitzender der
Israeli Association Against Psychiatric Assault.

Pressebericht in: Chicago Jewish Community online
Bericht im Evangelischen Pressedienst

Bilder vom 16.12. morgens, kurz nach Beginn der Lesung:

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