Durch ihre Namen die Würde der Opfer wiederherstellen


Im Dezember 2002 unterzeichnete ich einen Vertrag mit dem deutschen Staatsarchiv, in dem ich mich verpflichtete, keine Kopie von der Liste der ca. 30.000 Namen der seit 1939 von deutschen Psychiatern Ermordeten anzufertigen.

Ich bat um diese Liste für eine öffentliche Lesung der Namen, die dann am Wittenbergplatz in Berlin stattfand
(siehe: www.psychiatrie-erfahrene.de/lesung-bilder.htm)

Während der öffentlichen Lesung wurde ich persönlich Zeuge, wie Passanten in der Liste nach den Namen ihrer Verwandten suchten, von denen sie dem Hörensagen nach vermuteten, daß sie auch ermordet worden waren, obgleich sie bisher keinen Beweis dafür hatten. Mit Hilfe der Liste konnten sie diesen Verdacht bestätigen (oder eben nicht). Wir informierten sie dann, wie man im Staatsarchiv weitere Details der Geschichte ihrer Verwandten finden kann.

Diese Erfahrung überzeugte mich, in meiner Eigenschaft als Vorsitzender der Israeli Association Against Psychiatric Assault das deutsche Gesetz und den Vertrag, den ich unterzeichnet hatte, zu brechen, und diese Liste im Internet zu veröffentlichen.

Dies sind die Gründe, warum ich es tat:

Die Liste der Namen ist im Staatsarchiv anhand der authentischen Akten der Menschen entstanden, die als Opfer mit Namen, Geburtsdatum und Mädchennamen bei verheirateten Frauen identifiziert wurden.

Meine Erfahrung als Sprecher für das Projekt "Haus des Eigensinns" zeigte mir, daß der deutsche Staat eine "Zynische Republik" ist
[siehe www.psychiatrie-erfahrene.de/eigensinn].
Dementsprechend kam ich zu dem Schluss, daß das Gedenken an die jüdischen Opfer der Nazis nur durch die Schaffung des unabhängigen Staats Israel möglicht wurde. Diese Staatsgründung ermöglichte der jüdischen Gemeinschaft, die Namen seiner Opfer in der Mahn- und Gedenkstätte Yad Vashem zu sammeln.

Dieser historische Fortschritt gelang nur, weil eine Gruppe der Opfer einen Staat gründeten, der anderen Staaten gleich ist. Diese Gründung geschah im Widerspruch zu den religiösen Richtlinien des Judentums, die erst nach dem Kommen des Messias die Gründung eines Staates erlauben. So wurde durch die Gründung von Israel zwar das religiöse jüdische Gesetz gebrochen, aber nur auf diese Art war es möglich, sich den Wünschen nach Vergessen zu widersetzen, die nicht nur bei den besiegten Deutschen (die ein Interesse am Vergessen hatten), sondern auch bei anderen Nationen, die nach dem zweiten Weltkrieg nur ihren Sieg feiern wollten, vorherrschten, und der Opfer des deutschen Ausrottungsprogramms zu gedenken.

Als erste und letzte Opfer der Massenmorde, die von den Doktor-Nazis, den deutschen Psychiatern, an den von ihnen Verfolgten begangen wurde, gibt es noch immer keinen Staat, der uns vor Verfolgung schützen würde. Im Gegenteil, meine persönliche Erfahrung ist, daß meine Brüder und Schwestern auch heute noch auf der ganzen Welt angegriffen werden.

Nach der öffentlichen Lesung in Berlin stellte ich fest, daß die Verwandten der Opfer von der deutschen Regierung als Vorwand missbraucht werden, um die Liste der Namen der Opfer, soweit sie bekannt sind, nicht zu veröffentlichen, und daß die Regierung nie und nimmer bereit ist, die restlichen 90% der Opfer mit deren Namen zu suchen und zu finden. Unter dem Vorwand des "Rechts eines Patienten auf Privatheit", verweigert der deutsche Staat die Veröffentlichung der Liste und verhindert damit, daß alle Verwandten die Wahrheit über das Schicksal ihrer ermordeten Familienmitglieder erfahren und sich irgendein öffentlicher Protest gegen die begangenen Verbrechen bildet. Der Staat hat offensichtlich Angst, daß auch andere durch diesen öffentlichen Protest angeregt werden könnten, auf einer kriminalistischen Untersuchung durch eine unabhängige Instanz zu bestehen, um die Namen der anderen 90% der Ermordeten zu finden.

Die psychiatrische Profession trägt die Last der Anerkennung der Verantwortung für ihr kriminelles Handeln, was sie immer wieder versucht hat zu vermeiden. Das offensichtlichste Beispiel dafür war ihr Versuch, sich mit dem psychiatrischen Weltkongress in Hamburg 1999 reinzuwaschen
[siehe: www.irren-offensive.de/hamburg.htm].
Über das Internet als neues Informationsmedium wird es jetzt möglich, zwar das deutsche Gesetz brechend, die Gemeinschaft der Menschen über das Verbrechen zu informieren. Dadurch wird es nicht nur den biologischen Verwandten, sondern auch unseren Brüdern und Schwestern in den Menschenrechtsgruppen möglich gemacht, einen Namen, der in der Liste steht zu suchen und sich über die Umstände und das Schicksal des Opfers zu informieren.

Selbstverständlich ist diese Handlung auch Teil eines Prozesses, um die Würde der Opfer wiederherzustellen, nachdem sie in dem schwarzen Loch einer psychiatrischen Akte verschwanden, und sie ist Teil der Rückforderung menschlicher Identität für die, die sie durch die Verleumdung verloren haben, indem ihnen eine Nummer aus dem International Code of Deseases zugewiesen wurde.

Eine persönliche erläuternde Erklärung
von Hagai Aviel, Tel Aviv, Israel

Die Liste mit 30.076 namentlich bekannt gewordenen Opfern des ärztlichen Massenmords von 1939-1948 ist unter der Internetadresse www.iaapa.org.il/46024/Claims veröffentlicht. Wem je etwas vom Hörensagen von ermordeten Verwandten zu Ohren kam, sollte in der Liste nach dem Namen des Verwandten suchen. Dort ist auch eine Verbindung zum Staatsarchiv zu finden, wo man gegebenenfalls weiter recherchieren kann.
Bitte auch in Gesprächen mit Anderen diese von der Veröffentlichung der Liste informieren!

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